Eine App aus China fragt regelmässig nach dem Offensichtlichen. Ihr Erfolg wirft unbequeme Fragen über Einsamkeit und Sichtbarkeit auf.
Alle zwei Tage ein Knopfdruck, mehr verlangt diese App nicht, kein Tagebuch, kein Austausch, keine Community. Wer bestätigt, ist da, wer es vergisst, löst eine Nachricht an eine hinterlegte Kontaktperson aus, radikal schlicht und gerade deshalb irritierend. Dass die Anwendung in China viele Nutzer findet, ist kein Zufall. Wie die BBC berichtet, erreichte sie innerhalb kurzer Zeit Spitzenplätze unter den kostenpflichtigen Downloads. Auffällig ist dabei weniger die Technik als die Zielgruppe, vor allem junge Erwachsene in Städten, die allein leben, pendeln, projektweise arbeiten und oft fern von Familie oder stabilen sozialen Netzen. China verändert sich rasant, Alleinleben ist längst keine Ausnahme mehr. Nach Angaben der Global Times könnten bis 2030 rund 200 Millionen Einpersonenhaushalte entstehen. Urbanisierung, Arbeitsmigration und gesellschaftlicher Wandel führen dazu, dass Nähe seltener wird und Abwesenheit leichter unbemerkt bleibt.
Wenn niemand merkt, dass man fehlt
Die App adressiert genau diese Leerstelle. Wer merkt, wenn jemand stürzt, krank wird oder einfach nicht mehr reagiert, sie ersetzt kein soziales Umfeld, sie simuliert eines, ein technisches Minimalversprechen gegen das stille Verschwinden. Gleichzeitig bleibt ein Unbehagen, muss man heute bestätigen, dass man lebt, und warum übernimmt diese Aufgabe eine App und nicht ein Mensch. Nutzerstimmen spiegeln diese Ambivalenz, Erleichterung auf der einen Seite, Beklemmung auf der anderen. Der Gedanke, dass niemand fehlen würde, wenn man schweigt, wiegt schwerer als der Klick selbst. Auch der Name sorgt für Diskussionen, zu direkt, zu düster, sagen viele. Das Entwicklerunternehmen prüft eine Umbenennung, doch vielleicht liegt gerade in dieser Schonungslosigkeit der Reiz. Die App stellt eine Frage, die sonst niemand stellt, weil sie unangenehm ist. Am Ende geht es weniger um Technologie als um Sichtbarkeit. Die App ist kein Fortschrittssymbol, sondern ein Symptom und trägt einen Namen, der genau das ausdrückt: Are You Dead? (aso)