Als IT noch nicht IT hiess

  Pierre Bartholdi 21. Dezember 2018
Als IT noch nicht IT hiess Bild: Pierre Bartholdi

    Vor gut 60 Jahren begann aus Schweizer Sicht die Entwicklung der IT mit der Lancierung des ersten Europäischen Schreibautomaten auf der Hannover Messe 1956. Die Weiterentwicklung zum Korrespondenzautomaten, den Bürokommunikationssystemen, der mittleren Datentechnik bis zum PC waren dann die entscheidenden Schritte.

    Ende der 1940er Jahre gründete der Schaffhauser Büromaschinenhändler Eugen Ruppli mit einem Partner eine Vertriebsfirma für die Vermarktung eines neuen Schreibautomaten aus den USA. Seinen Sohn Ruedi sandte er für eineinhalb Jahre ins Herstellerwerk nach Detroit um sich eingehend mit der Technik und den Einsatzmöglichkeiten dieser Maschinen vertraut zu machen. Das Funktionsprinzip war das gleiche, wie es in den damals verbreiteten elektrischen Klavieren angewandt wurde, wo man sich in Clubs und Restaurants für 10 Rappen ein Musikstück automatisch vorspielen lassen konnte. Nur wurden in diesem Falle anstelle der Klaviertasten Schreibmaschinentasten betätigt.

    Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete Ruedi Ruppli einige Jahre in der Vertriebsfirma seines Vaters. Vom Schreibautomatenvirus angesteckt baute er in seiner Freizeit einen neuen verbesserten Schreibautomaten mit dem Ziel, sich selbständig und unabhängig zu machen. Er gründete in Zürich die Firma Supertyper Organisation Rudolf G. Ruppli und stellte 1956 an der Hannover Messe unter grosser Beachtung seinen Schreibautomaten vor, den er Supertyper Standard nannte. Nachdem die Maschine mit einer wirkungsvollen Schallschluckhaube versehen worden war, hiess sie Supertyper Silent.

    Rudolf G. Ruppli war mit seiner Firma damals der erste und einzige, welcher sich in Europa ausschliesslich mit dem automatischen Schreiben befasste und die bis heute wegweisenden Entwicklungen hin zur automatischen Textverarbeitung  massgeblich beeinflusste, was heute mit MS Word und anderen Textprogrammen gängige Praxis ist. Der im Supertyper Silent eingesetzte „Textspeicher“ war eine ca. 30 cm breite Steuerrolle aus Wachspapier, welche bis zu 10'000 Zeichen, also ca. 5 Schreibmaschinenseiten Text speichern konnte. Als Drucker kamen zuerst elektrische Typenhebel-Schreibmaschinen von IBM oder Remington zum Einsatz und nach deren erscheinen auch die berühmte IBM Kugelkopf-Schreibmaschine.

    Die Schreibgeschwindigkeit betrug knapp respektable 800 Zeichen pro Minute und in der Werbung sprach man von 4 - 5 fleissigen Stenotypistinnen die nötig seien um die Arbeit eines Supertypers zu erledigen. Der Haupteinsatz des Supertypers war das automatische Schreiben von Standardbriefen als Werbebriefe und Begleitbriefe aller Art, wobei die Adressen, das Datum und andere individuellen Angaben manuell geschrieben wurden. An diesen Stellen wurde der automatische
    Schreibvorgang durch einen gespeicherten Stoppbefehl unterbrochen und nach der manuellen Eingabe wieder gestartet. Wichtig war, dass man sich bei den manuellen Eingaben nicht vertippte, denn die Eingabe war direkt auf dem Papier und nicht auf einem korrigierbaren Display wie heute. Zu jener Zeit versuchte man auch unter allen Umständen den Eindruck zu vermeiden, ein Werbebrief sei automatisch geschrieben worden. Dies führte so weit, dass Tippfehler wie z.B. das Überschreiben von einem n mit einem m fest in einem Text erfasst wurde.

    Damals war das Wissen um die Existenz von Schreibautomaten auch noch nicht verbreitet, auf das die folgende Anekdote hinweist. Während einer Vorführung in einem grossen Hotel in Montreux verirrte sich eine vornehme ältere Dame in den Raum, wo der Supertyper im Moment unbeaufsichtigt und sehr schnell vor sich hin tippte. Mit dem Schreckensruf „Il y a un fantôme“ sank sie dann gnädig in Ohnmacht. Mit dem Ziel die Einsatzmöglichkeiten des Supertypers zu erweitern wurde 1957 das System der Bausteinkorrespondenz erfunden. Die Idee war, Dokumente aus fest gespeicherten Textabschnitten, sogenannten Textbausteinen individuell zu einem Gesamttext zusammenzustellen.

    Dazu war es nötig, alle möglichen Aussagen auf einen Textspeicher, in diesem Falle die Wachspapierrolle, zu erfassen um diese dann von Fall zu Fall individuell zusammenstellen und manuell ergänzen zu können. Zu diesem Zweck wurde der Supertyper Selektor als Zusatzgerät entwickelt, auf welchem mittels Tastendruck gleichzeitig aus 30 oder 60 Textbausteinen die gewünschten ausgewählt werden konnten. Die sequenziell erfassten Textbausteine wurden dann entweder ausgedruckt oder mit hoher Geschwindigkeit übersprungen. Der sequenzielle Zugriff zu Texten und Daten durch Überspringen oder Ausführen blieb Stand der Technik auch bei den späteren Speichermedien wie Lochstreifen, Magnetbandkassetten und teilweise FloppyDiscs. Ein direkter Zugriff auf Textbausteine erfolgte erst mit den später eingesetzten Magnetkarten in der Grösse einer Lochkarte, welche beim Supertyper auf 100 Spuren 12'800 Zeichen und Programmschritte speichern konnten. Mit der Möglichkeit, auch individuelle Korrespondenz automatisch zu schreiben, mutierte der Supertyper Silent vom Schreibautomaten zum Korrespondenzautomaten. Auch Fremdsprachenkorrespondenz liess sich nun erledigen ohne gute Sprachkenntnisse der Schreibkraft, da die Textbausteine nur einmal korrekt übersetzt und gespeichert werden mussten.

    Weitere Zusatzgeräte wie Lochkartenleser zum automatischen Adressieren von Werbebriefen und Rundschreiben oder der Zeilenzähler zum Überwachen und Steuern der Zeilenzahl pro Textseite fallen ebenfalls in diese Zeit und erhöhten die Produktivität und Flexibilität dieser Automaten erheblich. Damit etablierten sich die ersten Schreibbüros, welche in Lohnarbeit Direct mailing Aktionen für Kunden mit diesen Maschinen durchführten, wobei eine Schreibkraft gleich mehrere Supertyper Automaten gleichzeitig betreuen konnte. Da bereits mit diesen Schreib- und Korrespondenzautomaten ein erhebliches Rationalisierungspotential für die Administration angeboten werden konnte, wurden die Supertyper bald in den meisten Ländern Europas von Vertragshändlern angeboten. Ein Supertyper in der Grundausführung und ohne die Schreibmaschine, welche nur aufgesetzt wurde, kostete damals in der Schweiz CHF 6'700.--. Die letzten Supertyper dieser Generation wurden 1967
    verkauft, also 11 Jahre nach deren Vorstellung.

    Ab 1961 ergänzte der 8-Kanal Lochstreifen als Speichermedium die Wachspapier Steuerrolle bei Supertyper. Mit dem 8-Kanal-Lochstreifen war es je nach verwendetem Code möglich bis 256 Zeichen darzustellen. Anstatt 30 cm war dieser nur noch 1 Zoll also 25.4 mm breit und in der Lage 10 Zeichen pro Zoll zu speichern, was ca. 5 Metern Lochstreifen für eine Textseite entsprach. Gleichzeitig wurde die pneumatische Steuerung durch Relaistechnik in Kombination mit Elektronik ersetzt. Mit Einführung der Lochstreifentechnik konnte erstmals die Erfassung der Texte und Daten über die Schreibmaschine als sogenannter I/O Printer direkt auf den Lochstreifen erfolgen und man benötigte nicht mehr einen separaten Stanzer für die Herstellung der Wachspapier-Steuerrollen als Textspeicher, was ziemlich aufwendig und gewöhnungsbedürftig war und auch als Dienstleistung von Supertyper angeboten wurde.

    Als IBM 1962 die Kugelkopf-Schreibmaschine auf den Markt brachte, benutzte Supertyper deren mechanische Ansteuerung der Kugelkopfbewegungen um diese gleich als Codierung für den Lochstreifen zu übernehmen. Damit entstand der Supertyper Selectograph als Basis verschiedenster Anwendungs-optimierter Text- und Organisationssysteme, welche laufend weiterentwickelt wurden und neben der Textbe- und verarbeitung auch über Rechenfunktionen verfügten und als Kommunikationsdrehscheiben mit verschiedenen Lochstreifencodes wie BCD, ISO, ASCII oder Telex, für andere Anwendungen wie die Erstellung von NC Programmen für Werkzeugmaschinen, integrierte Datenerfassung, Telexkommunikation, Code-
    Konvertierung etc. dienten. Wie die Marke Frigidaire damals das Synonym für Kühlschränke geworden war, so war Supertyper das Synonym für Schreibautomaten im weitesten Sinne.

    In dieser Zeit erschienen auch die ersten Mitbewerber mit Textsystemen wie IBM, Redactron, Friden, Forster, Datic etc und später Xerox, Ricoh, Wang, egs und wie sie alle hiessen. Dabei zeigte sich, dass die Systeme aus dem angelsächsischen Raum ihren Focus auf der Textbearbeitung hatten, also auf dem Korrekturschreiben während die europäischen Hersteller den Schwerpunkt auf der programmierten Korrespondenz hatten und teilweise ebenfalls über Rechenfunktionen
    verfügten um Offerten, Rechnungen usw. automatisch zu schreiben und zu berechnen. Obwohl diese Text- und Organisationssysteme damals einiges an Geld kosteten, man war bald einmal mit 30'000.-- bis 40'000.-- Franken dabei, so waren sie doch wesentlich günstiger als damalige Computer, deren Rationalisierungseffekt oft nicht grösser sein musste. Auf die Frage, wie man pleite gehen könne, wurde damals so geantwortet: „Am schnellsten mit Glücksspiel, am schönsten mit Frauen und am sichersten mit der Anschaffung eines Computers!“ So hatte z.B. die Schweizerische Nationalbank in Zürich in den 1970er Jahren ihren Devisenhandel über einen Supertyper Magnetkarten-Automaten abgewickelt. Während der Erstellung der
    Devisenabrechnung wurde gleichzeitig ein Telex-Lochstreifen ausgegeben mit welchem der Korrespondenzbank die Transaktion per Telex bestätigt wurde. Die Umrechnung von mehrstelligen Millionenbeträgen mit fünf Nachkommastellen brauchten für die mit einem 4-Bit Mikroprozessor ausgestattete und mit Assembler programmierte Maschine einige programmtechnische Klimmzüge.

    Gegen Ende der 1970er Jahre ähnelten sich die Computer der mittleren Datentechnik und die Textsysteme, welche mittlerweile Bürokommunikationssysteme genannt wurden, immer mehr. Der markanteste Unterschied war der, dass auch die Anwendungssoftware und nicht nur das Betriebssystem bei den Bürokommunikationssystemen von den Herstellern mit angeboten wurde. Die proprietären Programme für Textbearbeitung, programmierte Korrespondenz, Datenbanken, Terminalemulationen, On- und Offline-Kommunikation mit Grossrechnern, Buchhaltung, Auftragsabwicklung sowie Compiler und Interpreter für verschiedene Programmiersprachen wie auch die Multitaskingfähigkeit und die Möglichkeit 256 Arbeitsplätze als Client/Server miteinander im Netzwerk zu verbinden, waren Teil des Angebots von egs/Supertyper. Das MMI, Mensch-Maschine-Interface war nicht mehr eine Schreibmaschine sondern wurde durch einen Bildschirm mit Tastatur abgelöst. Während die Bildschirme der mittleren Datentechnik in Sachen Bildwiederholrate und Farbgebung d.h. 50 - 60 Hz und grün auf schwarz eher bescheiden waren, wurden für die Bürokommunikationssysteme Ganzseitenbildschirme mit schwarzer Schrift auf weissem Untergrund und einer Bildwiederholfrequenz bis 100 Hz angeboten, was die Ermüdung der Augen wesentlich reduzierte. Damals ein grosses Thema.

    Ab Mitte der 1980er Jahre begann der PC brauchbar zu werden. Die Restriktionen bezüglich Speicherkapazität der Festplatten vielen sukzessive. Das Softwareangebot von Microsoft und die Netzwerkfähigkeit halfen dem PC die mittlere Datentechnik und die Bürokommunikationssysteme zu ersetzen. Der Umstand, dass Bill Gates sein MS-DOS nicht an IBM verkaufte, sondern nur eine Lizenz vergab führte dazu, dass ein grosses Angebot an IBM kompatiblen PCs auf den Markt kam und die Preise ins Purzeln kamen. Dass das selbe Betriebssystem bei einer Vielzahl verschiedener Hersteller zum Einsatz kommen konnte, multiplizierte den Erfolg und bescherte dem Anwender ein immenses Softwareangebot für die meisten Einsatzbereiche. Und wenn das nicht reichte, konnte man selbst programmieren oder programmieren lassen. Damit war der Siegeszug des PCs Tatsache. Die meisten Anbieter der mittleren Datentechnik und der Bürokommunikation verschwanden im Laufe der 1990er Jahre und damit auch der Name Supertyper.

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